Tagtraum

Ohren und Augen auf:
Interview zu fairem Kaffee

Wer träumte nicht gerne? Dann ist er der Held, einer dem alles gelingt und leicht von der Hand geht. Nur langsam mischen sich Zweifel in seinen Traum und zu guter Letzt wacht er auf und landet wieder im Hier und Jetzt.

Das ist der Moment, wo aus Zweifel reale Personen und Geschehnisse, wie Politiker, Skandale und Geldverbrennung werden. Dann sind wir wieder am Anfang und unsere Augen und Ohren werden gebraucht. Dann sind wir wieder in der Welt der Politik, wo zugegebenerweise ein Interview über fairen Kaffee nicht leicht ist. Wo leider aber auch wider besseren Wissens beziehungsweise in völliger Unkenntnis gehandelt wird.

Kein schöner Traum, aber zumindest ein von unser aller Steuergelder bezahltes Experiment einzelner Akteure. Ob da ein Interview zu fairem Kaffee allein hilft, bleibt abzuwarten.

Ein Gschmäckle von Unanständigkeit bleibt

Ich erinnere mich an das Radiogespräch im Bayerischen Rundfunk, das er vor einem Besuch in Kenia führte. Das muss so im Sommer 2017 gewesen sein. Dabei liess Gerd Müller keine Gelegenheit aus zu betonen, dass wir alle gefordert seien bei dem Thema fairer Handel beziehungsweise gerechte Entlohnung der Kaffeebauern in Kenia. Es gehe nicht an, so der Minister sinngemäß, dass Kaffee hierzulande zehn Euro koste und die Bauern dort 50 Cent daraus erhielten.

Heute im Frühjahr 2021 haben sich da ein, zwei Informationen dazu gesellt und auch die Geschehnisse rund um seine Namensvetterin Ursula Müller, seine eigene Rolle und das mangelnde Interesse an Afrika seines langjährigen Staatssekretärs Kitschelt – ich erinnere mich noch gut an dessen mehrstündigen Lobgesang auf Bandaraneike aus Sri Lanka während einer gemeinsamen Fahrt ins kenianische Hinterland – ergeben für mich in der Summe mehr Fragen als Antworten für ein Interview zu fairem Kaffee und über den Kurs den Deutschland in Sachen Afrika nimmt.

Deshalb freut es mich umso mehr, dass es uns gelungen ist, heute ein Interview zu fairem Kaffee mit Gerd Müller führen zu dürfen.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Herr Minister, bitte entschuldigen Sie zunächst, dass ich hier auf dem Sofa liege. Ich bin gerade aus einem schönen Traum aufgewacht. Jetzt fühle ich mich in der Lage, Ihnen ein paar Fragen zu Kaffeebauern in Kenia zu stellen.

Gerd Müller:
Etwas ungewöhnlich, denn ich bin mehr Respekt im Umgang mit mir gewohnt.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Ein gutes Stichwort. Wissen Sie, wie es Ursula Müller (ehemalige Mitarbeiterin) momentan geht. Was macht sie?

Gerd Müller:
Frau Müller leistet im Rahmen ihrer Aufgabe bei den Vereinten Nationen eine hervorragende Aufgabe. Sie analysiert mit messerscharfem Verstand und trifft so richtige Entscheidungen.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Das ist neu für uns. Genau das hat sie doch ihren Job als Abteilungsleiterin in ihrem Ministerium gekostet, oder? Nun, egal.

Herr Minister, eine einfache Frage:
Was kostet kenianischer Rohkaffee in Deutschland?

Gerd Müller:
Lassen Sie mich überlegen. Das fällt mir so gerade nicht ein. Ist das denn wichtig? Das Thema des Interviews ist doch fairer Handel, was soll das denn jetzt?

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Nachdem Sie ja in einem Radiointerview mal gesagt haben, dass Kaffee aus Kenia bei uns im Laden zehn Euro kostet und es unfair ist, dass der Bauer davon 50 Cent erhält, dachte ich halt…

Gerd Müller:
Papperlapapp, wo kommen wir da hin, wenn Sie anfangen zu denken. Dafür sind wir da. Die Wahrheit, schön in kleinen Häppchen, wohlklingend. Jeder kann so mit unserer Arbeit zufrieden sein. Unter uns (er beugt sich zu mir, flüstert), wissen Sie da mehr?

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Herr Minister, kenianischer Kaffee kostet momentan im Einkauf als Rohkaffee hierzulande zwischen 5,50 Euro und 7,80 Euro ex Hamburg bei Abnahme eines Sacks, je nach Sorte pro Kilogramm (gemäß einer Offerliste vom 25.1.2021). Kaffee aus Kenia für zehn Euro Ladenpreis kann es demzufolge nicht geben, oder?

Gerd Müller:
Wieso denn nicht, wenn jeder fair ist, wir darüber sprechen und niemand sich übermäßig bereichert, dann ist doch da noch Luft bei einem Preis von rund 5,00 Euro für den Rohkaffee?

Das Interview: Weil wir fairen Kaffee nicht kennen

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Ein gutes Stichwort, Herr Minister. Mit Zahlen tun Sie sich schwer, ich merke das schon. Leider auch mit Fakten. Kenianischer Spitzenkaffee kann hierzulande schon mal 30 Euro und mehr für das Kilo kosten. Auch scheint Ihnen entgangen zu sein, dass Ihr Kollege, der Finanzminister für jedes Kilo gerösteten Kaffee 2,19 Euro direkt beim Röster einkassiert. Die Kunden an der Ladenkasse wissen das leider nicht, nirgends der kleinste Hinweis drauf. Wäre doch eine gute Sache im Sinne der Verbraucheraufklärung, oder?

Gerd Müller:
Ein guter Einwand, das ist ja fast schon ein Skandal. Ich werde sofort eine eingehende Prüfung veranlassen und dann im Kabinett vorschlagen, dass diese Steuer abgeschafft wird. Leider sitze ich im Kabinett etwas abseits. Oder besser noch: dieser Betrag muss direkt an die Kleinbauern fliessen ohne Umwege wie NGOs oder sonstige Organisationen, die das Gute wollen und dann erst einmal in teuren Hotels darüber beraten. Habe ich das jetzt wirklich gesagt?

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Wäre nett von Ihnen, aber sinnlos. An dieser Steuer haben sich schon die Großen der Kaffeebranche vor deutschen Gerichten die Zähne ausgebissen. Ein Gebaren, das es sonst nur noch in Belgien (0,2479 Euro/kg), Dänemark (rund 0,85 Euro/kg plus 25% MwSt.), Lettland (rund 1,37 Euro/kg), Norwegen (1,14% des Zollwerts) und Schweiz (2% MwSt.) gibt. Deutlich weniger also.

Dass die Teesteuer schon vor Jahrzehnten abgeschafft wurde und somit eine Ungleichbehandlung existiert, war und ist völlig unerheblich. Selbstverständlich gibt es dann noch die Mehrwertsteuer oben drauf. Das Interview zu fairem Kaffee berührt doch alle Aspekte der Wertschöpfungskette, also auch den Staat.

Hat man Ihnen das nicht gesagt?

Gerd Müller:
Ich bin verblüfft.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Ich möchte ihre Aussage zu „50 Cent für die Bauern“ aufgreifen. Das ist so oder so nicht viel, wie wir gesehen haben.

Gerd Müller:
Sicher haben Sie jetzt gleich wieder so eine gemeine Frage für mich, oder? Sie haben das “gemein” ja schon im Namen.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Aus gutem Grund, denn wir sorgen uns um das Gemeinwohl, das wir nur dann verwirklicht sehen, wenn Interessensgruppen wie Politiker nicht Teil des Ansatzes für angemessene Entlohnung der Kleinbauern sind.

Gerd Müller:
Unterstellen Sie mir Handlager von Interessensgruppen zu sein?

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Das tue ich nicht. Ich stelle nur zur Diskussion, was mir auffällt. Und wenn gebildete, seriöse Persönlichkeiten mit den Fakten jonglieren wie ein Artist im Zirkus mit den bunten Bällen, ergeben sich automatisch Fragen. Das gestehen Sie mir doch zu, oder?

Meine Frage lautete also, weshalb Sie von 50 Cent Entlohnung für kenianische Bauern ausgehen. Kenianische Bauern wären, so glaube ich nach den Gesprächen, die ich führen kann, zwar nicht glücklich über 50 Cent für ein Kilo Kaffee das sie abliefern, aber es ist deutlich mehr als das, was man Ihnen tatsächlich bezahlt. Dazu kommen dann auch Kosten aus den Vorjahren für bereits erhaltene Leistungen der Kooperative. Ach ja, und bezahlt werden die Bauern Monate später. Nämlich dann, wenn klar ist wieviel übrig geblieben ist vom großen Reibach im Kaffeehandel.

Gerd Müller:
Das wirft alles über den Kopf, was ich bisher dazu wusste. Nun muss Ihnen doch wegen meiner Ausführungen klar sein, wie wichtig fairer Handel ist, für den ich mich so vehement einsetze? An dieser Stelle können wir das Interview zu fairem Kaffee doch beenden, oder?

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Da scheinen Sie auch Einflüsterer zu haben, was ich Ihnen aber um Gottes Willen keineswegs unterstellen möchte. Fairtrade ist eine Industrie, bei Bio verhält es sich eventuell nicht viel anders. Transparenz: Fehlanzeige. Kosten: enorm. Glauben Sie ernsthaft, dass ein einziger Kleinbauer in Kenia an diesem System teilnehmen kann?

Hat sich in ihrem Ministerium schon mal jemand Gedanken gemacht, wie der Preis für Kaffee dann zustande kommt? Genau: an einer beziehungsweise an verschiedenen Börsen. Zunächst in Kenia, jeden Dienstag. Ist öffentlich und kann sich jeder anschauen. Kaffee wird weiterhin an einigen weiteren, großen Börsen gehandelt. Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend New York nennen. Physisch lagert demgegenüber der meiste Kaffee dieser Welt im Hamburger Freihafen. Wo bleibt da der sogenannte faire Handel?

Gerd Müller:
Ich bleibe dabei. Fairer Handel, faires Verhalten ist der richtige Weg. Das ist die Zukunft und ein gutes Resultat unseres Gesprächs und Interview zu fairem Kaffee.

Pamoja Gemein.gut Kaffee:
Wir wären voll auf Ihrer Linie, wenn das Ganze zurzeit nicht noch eine große Mogelpackung wäre. Können wir uns darauf einigen, dass jeder den Nutzen daraus ziehen sollte, den er gerne daraus zieht? Sei er nun virtuell, sei er nun tatsächlich. Für mich persönlich kann ich vollständig darauf verzichten. Worauf ich nicht verzichten kann, sind jedoch Qualität, Qualitätsüberprüfungen und eine angemessene Entlohnung der Bauern. Beides hat meines Erachtens nicht notwendigerweise zwingend mit Fairtrade und Bio zu tun.

Gerd Müller:
Wir alle müssen etwas dafür tun. Und genauer hinschauen, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Darauf könnten wir uns einigen.

PAMOJA Gemein.gut KAFFEE:
Eine Bitte zum Schluss. Fordern Sie Wahrhaftigkeit von der Industrie selbst im Kleinen ein. Ein Beispiel: Spezialeditionen mit kenianisch klingendem Namen auf den Markt zu werfen, wo dann nur wenige Prozent Kaffee aus diesem Land drin sind ist nicht ehrlich genug. Zu versprechen irgendein soziales Projekt auf diesem Erdball damit zu befördern ist nicht nachvollziehbar.

Ein Minister, der fragt macht nichts verkehrt


Gerd Müller:

Was kann ich sonst noch für Sie tun?

PAMOJA Gemein.gut KAFFEE:
Wir bleiben auf Distanz zu Ihnen, also für uns direkt müssen Sie garnichts machen. Wir beobachten aber sehr genau, wie stark Sie mit den Partnern aus der staatlich gelenkten Gutmenschen-und Strippenzieherindustrie zusammen arbeiten. Führen Sie doch ein eigenes Interview zu fairem Kaffee und schlagen Sie diesen Gruppierungen vor eine Stiftung für Bildungs- und Selbstvermarktungsprojekte von Kleinbauern ohne jede Einflussnahme zu gründen. Das wäre ein erster Schritt.

Ich bedanke mich für dieses Gespräch.

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